24-03-02 Fertig in nur 3 MinutenCULT
Kunst- und Literatur, Ausgabe 2/2014, Seiten 12, 13, 14
Silvia Aulehla

Beschleunigte Kunst/ Digitale Kunst/ Fotografie und virtuelle Malerei

Warum überhaupt Beschleunigung?
Einerseits geht es natürlich um beschleunigte Materie, z.B. einen Menschen in einem Auto oder einem Flugzeug. Aber natürlich geht es auch um die immer schnelleren gesellschaftlichen Abläufe. Was die beschleunigte Materie angeht: Von München nach New York braucht man ungefähr sechs Stunden, von München nach Lindau drei; die Auflösung von Raum und Zeit durch die heutigen Transportmittel.

Was die gesellschaftlichen Abläufe angeht: Ich zähle Menschen mit einem Handy im Ohr, die durch die Straßen laufen und sich mit Menschen an ganz anderen Orten unterhalten, zu dem Phänomen der Beschleunigung in der Gesellschaft. Auch hier zeigt sich das zusammenschrumpfen von Raum und Zeit.

Meine ersten Versuche in der Kunst führten mich zur Landschaftsmalerei. Damals lebte ich noch bei meinen Eltern. Wenn wir im Urlaub zusammen unterwegs waren, suchten sie Orte mit uns auf, die sie vorher in Reiseführern ausgesucht hatten, aber auch von Bildkalendern und Fotobänden her schon kannten. Meine Mutter hatte den Fotoapparat dabei. An bestimmten Stellen sagte sie dann: „Das gibt ein Bild“ und an anderen: „Das gibt kein Bild“.

Wie kam es dazu? Es ging darum, ein Bild zu machen, das so aussehen sollte, wie die Bilder auf den Kalendern und in den Fotobüchern „Luis Trenker - Mein Südtirol“ usw.

Das Interessante daran ist, dass sich die tatsächlichen Dinge und deren Abbilder ausgetauscht haben. Das Ursprüngliche ist nicht mehr das reale Objekt in der Landschaft, und das Abbild ist nicht die Fotografie davon, sondern das ursprüngliche Bild im Kopf kommt von Fotobüchern, Fotokalendern, aus dem Fernseher und Internet. Danach fährt man los und versucht, diese Situation wiederzufinden und nachzustellen. Und wehe, es sieht dort anders aus. In manchen touristischen Gebieten sind die Stellen, an denen man solche Situationen wiederfinden kann, in Schildern vor Ort und in den Landkarten extra angezeigt: „Fotopunkt“. Übrigens hat das schon eine lange Geschichte. Schon ab dem 18. Jahrhundert waren reiche Touristen unterwegs auf der Suche nach arkadischen Landschaften, die sie vorher über Gemälde und Veduten gesehen hatten.

Die Umkehrung von Urbild und Abbild gilt für sehr viele unserer Erfahrungen. Wir lernen den Bären erst als Kuscheltier kennen.

Heißt das nicht, dass wir in weiten Bereichen unseres Lebens in einer virtuellen Welt leben? Unsere primären Erfahrungen sind virtuell, sie stammen aus Abbildungen. Die natürliche Realität muss sich dann an diesen Abbildern messen.

Meine späteren Versuche mit der Kunst führten mich wieder zur Landschaft. Ich benutzte den Fotoapparat, um mit dem Mittel zu arbeiten, das nach der Umkehrung von Urbild und Abbild zum primären Sehapparat geworden ist. Und ich begann diese Bilder digital zu bearbeiten, um mich noch weiter in die Virtualisierung der Realität zu begeben.

Mir war aufgefallen, dass der Blick bei hoher Geschwindigkeit unwillkürlich in die Ferne gezogen wird. Das Naheliegende, die Details verschwimmen und benötigen ein Innehalten. Also legte ich mich mit der Kamera direkt auf den Bauch in das Gras oder in ein Gebüsch. Diese Nahaufnahmen zog ich dann später am Computerbildschirm in die Länge, bis sie sich in horizontale Streifen auflösten. So entstanden sehr lange querformatige Ausdrucke, die ich „Beschleunigtes Gras“ oder „Beschleunigtes Gebüsch“ nannte.
Meine momentane Auseinandersetzung mit der Kunst befasst sich mit dem Thema Konsum und hier dem geradezu religiösen Charakter des Konsums. Hierzu dient mir als Beispiel eine Tüte Schokopudding, den man im Supermarkt kaufen kann: „Paradiescreme“ mit dem Hinweis auf der Verpackung „Fertig in nur 3 Minuten“.

Nicht weniger als das Paradies ist es, das versprochen wird. Aber es darf auf keinen Fall Mühe machen - es muss in 3 Minuten erreichbar sein. Das Paradies aus der Tüte, schnell und billig.

Paradiescreme scheint mir ein ideales Symbol für unsere beschleunigte Gesellschaft zu sein. Die Farbe der eingescannten Verpackung der Paradiescreme sind in dieser Bilderserie die Palette für meine virtuelle Malerei.

So wie der Schokopudding angerührt wird, rühre ich in meiner virtuellen Farbe herum, bis ein ganz neues und ganz wunderbares Bild entstanden ist, prall und bunt. Virtuelle Lebensmittel und virtuelle Malerei. Nur noch ausdrucken - schon fertig.

Fertig in. nur 3 Minuten. Ich lasse das auf meinem Bild unten rechts stehen. Mir gefällt, dass sich mancher Betrachter denkt: „So leicht machen sich‘s die Künstler heutzutage.“

Ich hatte das Glück, dieses Bild in einem großformatigen Ausdruck anlässlich der Kunstmesse „Incubarte“ in Valencia/ Spanien, im Centro del Carmen, einem gotischen Kloster im Kreuzgang präsentieren zu dürfen, in dem schon Inquisitoren über den richtigen Zugang zum Paradies nachgedacht haben.

HC Ohl lebt und arbeitet im Raum München